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31.07.2011

BioEnergie

Vegetarischer Tiger im Tank?

Ralf Schmidt ist überzeugt, dass seine Branche einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leistet. Der Geschäftsführer der Rheinischen Bio Ester in Neuss, eine von vier Biodieselanlagen in NRW, verweist auf die positive Energiebilanz seines Produkts. Diesel aus Rapsöl benötige für die Herstellung nur geringe Mengen fossiler Energierohstoffe, sagt er. „Den hauptsächlichen Anteil macht der nachwachsende und CO2-neutrale
Rohstoff Pflanze aus.“

Doch die Begeisterung ist nicht einhellig. Befürworter aus Umweltschutz und Politik werben für die emissionsarmen Energiepflanzen und auch für die Strom- und Wärmeerzeugung aus „Biomasse“, also aus Zuckerrüben, Getreide oder Mais. Während sich manche dabei ausschließlich für die Nutzung von Abfällen oder für regional begrenzte Produktions- und Nutzungskreisläufe aussprechen, weisen andere im Rahmen
der Energiewende auf die Klima- und Mobilitätschancen für das dicht bevölkerte Industrieland Deutschland hin.

Mit Blick auf Bio-Kraftstoffe rechnet etwa die von Unternehmen getragene und vom Bundesumweltministerium unterstützte Agentur für Erneuerbare Energien in Berlin vor, dass Biodiesel und Pflanzenöl aus Raps sowie Bioethanol aus Getreide im Verhältnis zu fossilem Diesel und fossilem Benzin bis zu zwei Dritteln weniger Emissionen verursachen. Bundesweit sei bis zum Jahr 2020 eine Netto-Treibhausgas-Reduktion um zehn Prozent zu erwarten.

Auch die Energiebilanz bei der Produktion sei erfreulich, bestätigt Jörg Mühlenhoff, Referent für Energiewirtschaft. „Im Vergleich zur Herstellung fossilen Benzins oder Diesels müssen für die Herstellung von Biokraftstoffen zwischen 60 und 95 Prozent weniger fossile Kraftstoffe eingesetzt werden.“ Je nach Verfahren und Pflanze. Mit derartigen Kraftstoff-Alternativen für den deutschen Autotank - derzeit in Form von gesetzlich geregelten Biodieseloder Bioethanol-Beimischungen um die fünf Prozent - verringere sich auch die Abhängigkeit von Erdöl-Staaten.

Die rot-grüne Landesregierung in NRW verfolgt für den gesamten Bioenergiebereich - also für Strom, Wärme und Kraftstoff zusammen - nach eigenen Worten moderate Ausbauziele. Nach Angaben des Umweltministeriums unter Johannes Remmel (Grüne) sollen im Jahr 2020 fünf Prozent des NRWEndenergiebedarfs aus Biomasse bereitgestellt werden. Derzeit sind es drei Prozent, bundesweit 7,5 Prozent. Bei Strom und Wärme sieht NRW noch Ausbaukapazitäten auf eigener Fläche, etwa beim Maisanbau für Biogasanlagen im Münsterland.

Doch insbesondere beim Kraftstoff werden globale Abhängigkeiten unvermeidlich. Denn das bevölkerungsreiche NRW mit geringer Anbaufläche kann den Bedarf der Biomasseproduktion nicht alleine decken. Rohstoffimporte aus dem Ausland seien unvermeidbar, heißt es aus dem Düsseldorfer Umweltministerium. Mit einschneidenden globalen Folgen: Szenarien wie Maiswüsten, Zerstörung der Artenvielfalt, steigende Nahrungsmittelpreise, Abhängigkeit von Konzernen, Landwegnahme oder Konkurrenz zwischen Anbauflächen für Viehfutter, Nahrungsmittel und Energiepflanzen beschäftigen auch Klimaschützer.

Bedenken beim Biokraftstoff äußern unter anderem die evangelische Kirche und ihre Entwicklungsorganisationen wie Brot für die Welt oder der Evangelische Entwicklungsdienst. „Wir müssen noch mehr Einsparpotenziale im Energieverbrauch ausschöpfen, damit ein Ausbau bei Biokraftstoffen gar nicht erst erforderlich wird“, mahnt auch Katja Breyer vom Amt für Mission, Ökumene und kirchlicher Weltverantwortung (MÖWE) der westfälischen Kirche in Dortmund. Breyer sieht vor allem die Ernährungssicherheit in Ländern der Dritten Welt gefährdet. Die wachsende Nachfrage nach Bioenergie sei neben weltweit steigendem Fleischkonsum und Bedarf an Viehfutter ein Faktor für steigende Nahrungsmittelpreise, sagt sie. Dies treffe besonders Menschen in armen Ländern und lasse die Zahl der Hungernden steigen. Zwar werden derzeit nur auf zwei Prozent der weltweit verfügbaren Ackerfläche Energiepflanzen angebaut, wie die Agentur für Erneuerbare Energien vorrechnet. Und 40 Prozent der Weltagrarflächen gelten als ineffizient bewirtschaftet, aber regenerierbar für Biomasseanbau. Zudem soll die im Mai in Deutschland eingeführte Zertifizierung für alle hierzulande verwendeten flüssigen Bioenergierohstoffe ökologische und soziale Standards bei Anbau und Produktion weltweit sichern helfen.

Doch in einigen Regionen der Erde gebe es bereits problematische Entwicklungen durch Vertreibung und Verlust von Lebensraum, entgegnet MÖWE-Expertin Breyer. Greenpeace verweist darauf, dass Biodieselbeimischungen in europäischen Autotanks bereits zu einem Drittel aus Palm- und Sojaöl bestehen. Vor allem das Palmöl bereitet längst, auch jenseits der Kraftstofffrage, Probleme. Verheerend seien etwa die ökologischen und sozialen Folgen nicht zertifizierter Produktion von indonesischen und malaysischen Großplantagen für die hiesige Kosmetik- und Nahrungsmittelindustrie - zulasten von Urwäldern oder traditionell genutzten landwirtschaftlichen Flächen. Die jüngst von der EU in Aussicht gestellte europaweite Anerkennung der deutschen Biosprit-Zertifizierung ist für Kritiker aus Umweltschutz, Entwicklungshilfe und Kirchen daher nicht ausreichend.

text: epd-west/gabriele fritz/ör-wj
foto: wwf

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