07.10.2011
Südafrika
Lausbube mit Löwenherz

Desmond Tutu auf dem Kirchentag 2007 in Köln
Desmond Tutu wird 80 Jahre alt - Kirchliche Autorität wollte der Geistliche nie sein
Ein Held - und zutiefst menschlich zugleich. Das ist die treffendste Kurzbeschreibung, die sich für Kapstadts früheren Erzbischof Desmond Tutu finden lässt. Der neben Nelson Mandela wohl berühmteste Südafrikaner, Friedensnobelpreisträger und Vorkämpfer in der Anti-Apartheidbewegung wird am Freitag (7. Oktober) 80 Jahre alt. Er hat zwei Seiten: Tutu, der Komiker, und Tutu, die moralische Instanz.
Seine ausdrucksstarken Predigten und Reden begleitet der kleingewachsene anglikanische Geistliche mit vielen, vielen Gesten. Oft beginnt er mit einemWitz, nicht selten einem zutiefst rassistischen aus Zeiten der Apartheid. Ihm folgt stets sein lautes, ansteckendes Lachen. »Manchmal schrill, oft zärtlich, nie ängstlich und selten ohne Humor, hat Tutu seine Stimme seit jeher jenen verliehen, die keine haben«, sagte Mandela einmal über ihn.
Entertainer im besten Sinne
Tutu ist Entertainer im besten Sinne. Eine angsteinflößende kirchliche Autorität wollte er nie sein. Das zeigte ein T-Shirt mit dem Schriftzug »Just call me Arch« (Nenn mich einfach Arch) nach seinem Rückzug als Erzbischof (englisch: Archbishop) - sein jungenhaftes Auftreten und legendäre Vorliebe für Cola-Rum ebenfalls.
Seit seinem 79. Geburtstag tritt er offiziell kürzer, sorgt aber immer noch für Gesprächsstoff: »Grübeleien eines Altersschwachen« nennt der Bischof seine oft scharfen Worte. So protestierte er gegen die Hinrichtung des US-Amerikaners Troy Davis. Er rief südafrikanische Politiker auf, ihre Luxuskarossen zu verkaufen und sich endlich um die Armen zu kümmern. Vor der Fußball- Weltmeisterschaft 2010 zeichnete er ein bitteres Bild seines Heimatlandes, das nach wie vor unter den Folgen der Apartheid, unter Gewalt und Korruption leidet.
Desmond Mpilo Tutu wurde am 7. Oktober 1931 in Klerksdorp geboren. Sein Vater war Lehrer, seine Mutter Hausangestellte. Tutu trat zunächst in Vaters Fußstapfen, gab den Lehrerberuf jedoch auf, als die Apartheidregierung das »Bantu Education System« einführte, das Schwarzen den Zugang zu höherer Bildung erschwerte.
Damit begann sein politisches Engagement. 1955 heiratete Tutu Leah, eine große, kräftig gebaute und ebenso humorvolle Frau. Sie haben zusammen drei Töchter und einen Sohn. Tutu hatte in London Theologie studiert, und wurde 1975 zum ersten schwarzen Dekan der St. Mary’s Cathedral in Johannesburg ernannt, wenig später zum Generalsekretär des Südafrikanischen Kirchenrates. Diese Position nutzte er, um weltweit Menschen auf die Probleme im Apartheidstaat aufmerksam zu machen. Er führte Protestmärsche an, erhielt Morddrohungen, die Regierung nahm ihm den Pass weg.
1984 erhielt er für seinen Kampf den Friedensnobelpreis. »Naja, die haben sich gedacht, vielleicht ist es an der Zeit, mal einem Schwarzen den Preis zu geben«, spottete Tutu später. 1986 wurde Tutu Erzbischof in Kapstadt, zehn Jahre später ging er in Rente.
Als Pensionär übernahm er den Vorsitz derWahrheitsund Versöhnungskommission, die Verbrechen der Apartheid aufarbeitete. Rund 21.000 Menschen wurden bis 1998 angehört. Täter, die aussagten, erhielten Amnestie. Oft sah man Tutu weinend den Kopf in die Arme legen, so grauenhaft waren viele der Schicksale, die geschildert wurden.
Lehraufträge in den USA und Großbritannien
Später nahm der pensionierte Erzbischof Lehraufträge in den USA und Großbritannien an. Heute macht er als Verfechter der Gleichstellung Homosexueller und im Kampf gegen Aids von sich reden - sowie als heftiger Kritiker der US-Invasion im Irak und mitunter der Politik Israels. Zu seinem 80. Geburtstag lud er den Dalai Lama ein - und bereitete damit seiner eigenen Regierung Kopfzerbrechen, die offenbar Druck von China fürchtet, wenn sie das geistliche Oberhaupt der Tibeter einreisen lässt. »Es ist traurig«, sagte er dazu.
Tutu ist nicht denkbar ohne seinen Glauben, der ihn in schweren Zeiten immer aufrecht hielt, wie er sagt. 1997 wurde Prostatakrebs bei ihm diagnostiziert. Als der 2001 erneut bei ihm ausbrach, scherzte er: »Als die da oben im Himmel gehört haben, dass ich komme, haben sie die Hände gerungen und gesagt: Nein, nein, nicht diesen Typen. Behaltet den unten, wir kommen auf keinen Fall mit dem zurecht.« Von (epd)
text: ann kathrin sost/epd/ör-wj
foto: © raimond spekking / CC-BY-SA-3.0 (via wikimedia commons)“
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