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30.12.2011

Kindernothilfe

Mehr gegen weltweite Armut tun

Pfarrer Dr. Jürgen Thiesbonenkamp ist Direktor der Kindernothilfe in Duisburg

Die Lebensbedingungen der Kinder haben sich nach Einschätzung der Kindernothilfe im zu Ende gehenden Jahr in vielen Ländern verschlechtert. „Allein durch das Bevölkerungswachstum steigt ständig die Zahl der in Armut lebenden Kinder“, sagte der Vorstandsvorsitzende Jürgen Thiesbonenkamp in einem epd-Gespräch in Duisburg. Das Millenniumsziel, die weltweite Armut bis zum Jahr 2015 zu halbieren, werde wohl nicht erreicht werden können: „Zu viele Menschen leben noch immer unterhalb oder an der Grenze des Existenzminimums.“

Probleme sind nach Angaben des evangelischen Theologen unter anderem die Lebensmittelverteilung und die Zerstörung natürlicher Lebensgrundlagen durch die Vernichtung von Ackerflächen und das Abholzen von Wäldern. Hinzu kämen Landnahme durch ausländische Firmen, Wanderungsbewegungen und Naturkatastrophen. Der Klimawandel bewirke Extremwetterlagen, die zu einem Mangel an Nahrungsmitteln und Flüchtlingsbewegungen führten wie gegenwärtig am Horn von Afrika.

Im Kampf gegen diese Probleme sieht Thiesbonenkamp die Politik, aber auch jeden Einzelnen gefordert. In den reichen Ländern müssten die Menschen ihre Lebensverhältnisse überprüfen: „Wir können unseren jetzigen Lebensstil nicht einfach so fortsetzen, sondern müssen umdenken und uns neu orientieren.“ Von den Industrienationen wünsche er sich, dass sie einen Schwerpunkt auf Entwicklungspolitik setzen. „Dabei sollte die Perspektive der Kinder mehr Bedeutung erlangen.“

Deutschland forderte Thiesbonenkamp auf, als eines der ersten Länder den am 19. Dezember gefassten Beschluss der UN-Generalversammlung zu ratifizieren, der Kindern bei Verletzung ihrer Rechte ein Individualbeschwerderecht vor den Vereinten Nationen einräumt. Wünschenswert sei zudem mittelfristig die Aufnahme der Kinderrechte ins Grundgesetz. „Allgemein ist in der Gesellschaft eine weitere Sensibilisierung für die Rechte von Kindern nötig“, sagte der Kindernothilfe-Chef.

Die Kindernothilfe wurde 1959 von Christen in Duisburg gegründet. Sie fördert heute als eines der größten christlichen Kinderhilfswerke in Europa etwa 656.000 Mädchen und Jungen in 29 Ländern in Afrika, Asien, Lateinamerika und Osteuropa.

„Den Teufelskreis der Armut durchbrechen“
Kindernothilfe-Chef Thiesbonenkamp über die Leiden und die Rechte von Kindern
epd-Gespräch: Ingo Lehnick

Armut und Hunger bestimmen die Lebenswirklichkeit vieler Kinder in Entwicklungsländern. Grundlegende Probleme sind nach den Worten von Jürgen Thiesbonenkamp, Vorstandschef der Kindernothilfe, unter anderem das anhaltende Bevölkerungswachstum, der Klimawandel und Naturkatastrophen. Die Zahl der in Armut lebenden Kinder wachse, es gebe aber auch Fortschritte, sagt der evangelische Theologe im epd-Gespräch. Helfen müsse nicht nur die Politik, auch jeder Einzelne sei gefragt.

epd: Wie hat sich die Situation der Kinder in diesem Jahr weltweit entwickelt?

Thiesbonenkamp: Einerseits haben sich die Lebensbedingungen vieler Menschen in den ärmeren Ländern verschlechtert. Allein durch das Bevölkerungswachstum steigt ständig die Zahl der in Armut lebenden Kinder. Eine Schwierigkeit ist die Lebensmittelverteilung, hinzu kommt die Zerstörung natürlicher Lebensgrundlagen durch die Vernichtung von Ackerflächen und das Abholzen von Wäldern. Nehmen Sie zum Beispiel die riesigen Monokulturen in Südamerika, beispielsweise für den Sojaanbau. Damit fallen Nutzflächen und Waldgebiete weg, die für das Ökosystem und die lokale Versorgung der Landbevölkerung wichtig sind.

Ein wachsendes Problem ist auch die Landnahme: Große Flächen von Agrarland werden an Firmen etwa aus China oder Indien verpachtet und fehlen dann der Bevölkerung vor Ort, zum Beispiel im östlichen Afrika. So entstehen Wanderungsbewegungen, die noch verschärft werden durch Trockenheit oder andere Naturkatastrophen. Am schlimmsten betroffen sind dann die Kinder als schwächste Glieder der Gesellschaft. Ihre Gesundheit wird angegriffen, die Sterblichkeit nimmt zu. Andererseits geben die Hilfsorganisationen vielen Menschen eine echte Lebensperspektive. Als Kindernothilfe stehen wir über 600.000 Kindern in 29 Ländern zur Seite – wir stärken sie und ihre Familien darin, ihre Rechte wahrzunehmen.

epd: Die Staatengemeinschaft hatte sich zu Beginn des neuen Jahrtausends ehrgeizige Ziele für eine bessere Welt gesetzt. Wie beurteilen Sie die Entwicklung, vor allem mit Blick auf die Kinder?
Thiesbonenkamp: Das Millenniumsziel, die Armut bis zum Jahr 2015 zu halbieren, wird wohl nicht erreicht werden können. Zu viele Menschen leben noch immer unterhalb oder an der Grenze des Existenzminimums.

Fakten, die uns bewegen: Etwa 115 Millionen Kinder zwischen fünf und 17 Jahren müssen weltweit unter gefährlichen Bedingungen arbeiten. Viele Kinder sterben an vermeidbaren Erkrankungen wie Durchfall – eine Folge von Mangelernährung, aber auch ungenügenden hygienischen Zuständen.

Fortschritte gibt es aber immerhin bei Teilzielen wie besserer Schulbildung, auch wenn die Analphabetenrate weiter hoch ist. Eine schwierige Herausforderung ist die Versorgung mit Trinkwasser – ein Menschenrecht. Durch die Privatisierung von Wasserversorgung bleiben häufig die Armen auf der Strecke. Es gibt aber auch hier Fortschritte. Das gilt auch für die Verbesserung der Hygiene und der Sanitärsysteme. Sie ist wichtig, um die Ausbreitung von Krankheiten vor allem in Ballungsräumen zu verhindern und die Sterblichkeit von Müttern und Kindern zu senken.

epd: Wo leiden Kinder unter den Folgen des Klimawandels?
Thiesbonenkamp: Durch die Klimaveränderung gibt es beispielsweise in einer Reihe von Ländern mehr Moskitos, die Malaria, Denguefieber und andere Krankheiten übertragen. Fieber- und Durchfallerkrankungen sind die häufigsten Todesursachen. Der Klimawandel löst auch Flüchtlingsbewegungen aus, das sehen wir gegenwärtig am Horn von Afrika. Extremwetterlagen wie die Dürre vor einigen Monaten führen zu einem Mangel an Nahrungsmitteln. Jetzt gibt es teilweise heftige Regenfälle. Folgen sind auch hier Mangelernährung und die Ausbreitung von Infektionskrankheiten. Wenn die Menschen von einem Provisorium zum nächsten getrieben werden, bedeutet das für die Kinder auch, dass sie nicht zur Schule gehen können und kein Zuhause haben, in dem sie wirklich Kind sein können.

epd: Was ist Ihr Hilfsansatz?
Thiesbonenkamp: Neben humanitärer Akuthilfe zur Versorgung der Opfer geht es uns vor allem darum, in längerfristigen Projekten die Selbsthilfekräfte der Menschen zu stärken, damit sie mit den Herausforderungen und Krisen ihres Lebens fertigwerden können. Sie sollen in die Lage versetzt werden, den Teufelskreis der Armut zu durchbrechen. Beispielsweise legen wir am Horn von Afrika mit unseren Partnern vor Ort Getreidebanken an, die langfristig helfen, Notsituationen zu überbrücken. Saatgut wird so in Trockenzeiten nicht verbraucht, sondern kann danach genutzt werden, um wieder neues Getreide
anzubauen.

In Äthiopien und Kenia legen wir Wasserleitungen, in der somalischen Hauptstadt Mogadischu unterhalten wir Kinderzentren. Dort erhalten die Kinder täglich warmes Essen, werden pädagogisch und psychologisch betreut und, ganz wichtig, können spielen und Kind sein.

epd: Was muss in den reicheren Staaten geschehen?
Thiesbonenkamp: Wir müssen unsere Lebensverhältnisse überprüfen. Abgesehen von den Armutsproblemen, die es auch bei uns gibt, können wir unseren jetzigen Lebensstil nicht einfach so fortsetzen, sondern müssen umdenken und uns neu orientieren. Das gilt für das Verhalten jedes Einzelnen. Die helfende Tat braucht zudem politische Unterstützung. Entwicklungszusammenarbeit muss ein wesentliches Politikfeld der Industrienationen sein. Dabei sollte die Perspektive der Kinder mehr Bedeutung erlangen.

epd: Wie können die Rechte von Kindern in Deutschland besser geschützt werden?
Thiesbonenkamp: Ich würde mir wünschen, dass Deutschland als eines der ersten Länder den gerade am 19.12.2011 gefassten Beschluss der UNGeneralversammlung ratifiziert, Kindern bei Verletzung ihrer Rechte ein Individualbeschwerderecht vor den Vereinten Nationen einzuräumen. Wünschenswert ist mittelfristig auch die Aufnahme der Kinderrechte ins Grundgesetz.

Allgemein ist in der Gesellschaft eine weitere Sensibilisierung für die Rechte von Kindern nötig. Menschen müssen wahrnehmen, wo Kinder in Gefahr geraten könnten. Missbrauch beginnt nicht erst bei körperlichen Übergriffen. Es gibt viele Formen von Vernachlässigung, das betrifft auch den Umgang mit Medien und besonders dem Internet.

epd: Das Deutsche Institut für soziale Fragen rechnet mit einem Rückgang der Spenden in 2011. Wie sieht es bei der Kindernothilfe aus?
Thiesbonenkamp: Ich gehe davon aus, dass wir für langfristige Projekte – den Schwerpunkt unserer Arbeit - in etwa das gleiche Niveau erreichen wie im Vorjahr. Spenden für die Opfer von Katastrophen wie dem Erdbeben in Haiti und der Flut in Pakistan im vergangenen Jahr sind dagegen weniger vorhersehbar. Wir haben 2010 insgesamt knapp 76 Millionen Euro an Spenden erhalten, davon waren 23 Millionen für akute humanitäre Hilfe.

text: epd/ingo lehnick/ör-wj

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