11.08.2011
50 Jahre Mauer (III)
Ab in den Westen?

Die Skulptur „Leid an der Mauer“ wurde 1965 in Steglitz vor der Matthäuskirche aufgestellt. (foto: andreas praefcke/wikipedia)
Im Kofferraum ab in den Westen
Der Berufsschullehrer Hans-Peter Spitzner war im August 1989 der letzte Mauerflüchtling
Ausgerechnet ein Zeitungsartikel des FDJ-Zentralorgans »Junge Welt« gibt den Anstoß: »Wenn die Taschen voll sind, geht es ab in den Westen « titelt das Blatt im Sommer 1989. Darin wird eine scheinbar gängige Praxis von Vertretern der Westmächte beschrieben, sich in Ost-Berlin das Auto mit günstigen Waren vollzuladen und damit unbesehen in den Westteil der Stadt zu fahren.
Als der Chemnitzer Berufsschullehrer Hans-Peter Spitzner den Bericht liest, schenkt er den angeblichen Hamsterkäufen kaum Aufmerksamkeit. Für ihn ist vor allem interessant, dass Fahrzeuge der Alliierten an dem für sie zuständigen Kontrollpunkt Checkpoint Charlie nicht durchsucht werden. Wenige Tage später, am 18. August 1989, wird Spitzner zum Mauerflüchtling, dem letzten in der Geschichte der DDR. »Ich habe gedacht, wenn da ein Teppich im Kofferraum drin liegen kann, passt auch ein Mensch rein«, erzählt Spitzner heute. Schon seit längerem hatte der damals 35-jährige Pädagoge über Flucht nachgedacht. Dabei spielten für den Sachsen eher pragmatische denn ideologische Gründe eine Rolle. »Die Reisefreiheit habe ich schon sehr vermisst in der DDR und auch die beschränkten Entscheidungen, die Zensur.«
Spitzners Abneigung gegen das System wird immer größer. Als er sich schließlich einer fingierten Wahl der Betriebsgewerkschaftsleitung in der Schule verweigert, kommt die Stasi, durchwühlt seine Wohnung und nimmt ihn über Nacht mit. »Das hat körperlich wehgetan, ich wurde wie ein Schwerverbrecher behandelt, wurde verhört und musste eine Geruchsprobe abgeben«. Es wird zum einschneidenden Erlebnis für ihn. Der Pädagoge möchte weg, endlich mit seiner Frau Ingrid und seiner kleinen Tochter Peggy ein freies Leben in Westdeutschland beginnen.
»Ich hatte zwar jetzt die Idee mit dem Kofferraum, aber das Problem war, wer nimmt mich mit?«, erzählt er. Seine Frau kann er nicht zu Rate ziehen. Sie befindet sich bereits gerade im Westen, allerdings nur für ein paar Tage auf Verwandtschaftsbesuch, und ahnt von seinem Vorhaben nichts. Am 16. August fährt er daher mit seiner kleinen Tochter im Wartburg nach Ost-Berlin. Im Gepäck hat er die wichtigsten Dokumente, die er für einen Neustart braucht: Zeugnisse, Arbeitsnachweise, den Schmuck seiner Frau. »Nur die Babypuppe meiner Tochter und ein paar Wechselklamotten für sie hatte ich vergessen, das bereue ich sehr.«
Peggy weiß nur, dass sie die Mutter besuchen wollen und dass sie sich ruhig verhalten muss. Tagelang laufen sie durch die Stadt, Spitzner spricht auf der Straße etwa 20 Vertreter der Westmächte an. Nachts übernachtet er bei einem alten Kumpan aus Ferienlager-Zeiten, den er durch Zufall wiedergetroffen hat. Am dritten Tag, Spitzner ist schon kurz davor aufzugeben, findet er schließlich den jungen US-Soldaten Eric Yaw, der sofort zusagt. Eine Bezahlung will er nicht, Spitzner bietet ihm stattdessen ein Porzellangefäß an. Der Amerikaner wird ihm das jedoch bei einem späteren Besuch im rheinland-pfälzischen Idar-Oberstein, dem ersten Wohnsitz der Spitzners in Westdeutschland, wieder zurückgeben.
Sie fahren raus in einen Park außerhalb Berlins, innerhalb der Stadt wäre es zu gefährlich, in den Kofferraum des Toyota zu steigen. Gemeinsam mit seiner Tochter kauert er sich dort voller Angst hinein. »Für Peggy war das eher ein Spiel, sie hat mir sogar Luft zugefächelt.« Durch einen Schlitz können sie sogar ein Stück Himmel sehen. Eine dreiviertel Stunde dauert die Fahrt durch Ost-Berlin und den Checkpoint Charlie, schließlich haben sie es geschafft. Spitzner und seine Tochter kommen ins Auffanglager.
»Meine große Angst war, dass ich meiner Frau nicht rechtzeitig Bescheid geben kann und sie wieder zurück nach Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz, fährt«, erzählt er. Gemeinsam mit ihrer Mutter hält sie sich für den 65. Geburtstag einer Tante in einer Pension bei Berchtesgaden auf. Spitzner erreicht die Wirtin und diktiert ihr über das Telefon: »Ingrid, auf keinen Fall in die DDR zurück.« Der kleine Zettel mit der unleserlichen Handschrift erreicht die Frau noch rechtzeitig. Sie fliegt nach West-Berlin, die Familie ist bald vereint.
Für Ingrids Mutter bricht hingegen eine Welt zusammen. Sie muss sich entscheiden, ob sie ebenfalls im Westen bleibt oder in die DDR zurückkehrt. Schweren Herzens und im Bewusstsein, dass sie ihre Angehörigen wohl für lange Zeit nicht wiedersehen wird, entscheidet sie sich für ihren vertrauten Lebensmittelpunkt. Dass nur wenige Wochen die Mauer fällt, ahnt niemand.
Die Opfer der Berliner Mauer
An der Berliner Mauer kamen zwischen 1961 und 1989 mindestens 136 Menschen durch das DDR-Grenzregime zu Tode, darunter 98 Flüchtlinge. Mindestens 251 überwiegend ältere Reisende aus Ost und West starben zudem vor, während oder nach der Kontrolle an einem Berliner Grenzübergang, die meisten infolge eines Herzinfarkts. Die Zahlen wurden 2008 in einer wissenschaftlichen Studie des Potsdamer Zentrums für Zeithistorische Forschung und der Gedenkstätte Berliner Mauer ermittelt.
Von den 136 Todesopfern starben zwei Drittel an der Sektorengrenze in Berlin, darunter 35 im Stadtteil Mitte und 23 in Treptow. 46 Menschen kamen an der Grenze zwischen West-Berlin und Brandenburg ums Leben, Schwerpunkt war mit 13 Toten die heutige brandenburgische Landeshauptstadt Potsdam. Mehr als die Hälfte der Opfer fand in den ersten fünf Jahren nach dem Mauerbau am 13. August 1961 den Tod. Unter den Opfern befanden sich neben den DDRFlüchtlingen acht im Dienst getötete DDR-Grenzsoldaten sowie 30 Menschen aus Ost und West, die ohne Fluchtabsichten erschossen wurden oder verunglückten.
Die meisten der Mauertoten waren junge Männer zwischen 16 und 30 Jahren. Unter den Opfern waren auch acht Kinder unter 16 Jahren, darunter fünf Jungen im Vorschul und Grundschulalter, die in Grenzgewässern ertranken, und ein Säugling, der bei einem erfolgreichen Fluchtversuch der Eltern erstickte. Nur acht der Mauertoten waren Frauen.
Ab 1967 gingen die Todeszahlen deutlich zurück. Gründe dafür waren den Forschungsergebnissen zufolge die technische Modernisierung der Grenze unter anderem mit einer elektronischen Alarmsicherung sowie die verstärkte Überwachung im Vorfeld der Mauer. Als weiterer Grund wird der Abschluss der KSZE-Konferenz in Helsinki im August 1975 genannt, der zu einem Rückgang der Fluchtversuche und einem Anstieg von Ausreiseanträgen aus der DDR geführt habe.
Bei den 251 Menschen, die an Grenzübergängen starben, war die Todesursache der Studie zufolge in den meisten Fällen ein Herzinfarkt. Allein am Grenzübergang am Bahnhof Friedrichstraße kamen 227 Menschen ums Leben, darunter 166 DDR-Bürger, 40 West-Berliner, 20 Menschen aus Westdeutschland und ein Tschechoslowake. Zwei der DDR-Bürger starben bei ihrer offiziell genehmigten Ausreise in den Westen.
text: epd-west/stephanie höppner/wikipedia/ör-wj
foto: andreas praefcke/wikipedia
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