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18.08.2011

Sommerkirche

Was Liebenden Halt gibt

Für die musikalische Untermalung sorgte das Fagottduo „DuoBasston” (Foto anklicken!)

Was Liebenden Halt gibt- zwischen Liebe und Ernüchterung

Bei der „lyrischen Sommerkirche” werden in Cronenberg Gedichte bekannter Autoren untersucht und mit biblischen Inhalten verglichen. An insgesamt fünf Terminen lädt Pfarrer Ulrich Weidner zu diesen außergewöhnlichen Gottesdiensten in die reformierte Kirche im Wuppertaler Süden.

Vergangenen Sonntag behandelte Weidner das Werk „Die Liebenden” von Bertold Brecht aus dem Jahre 1927 (Text siehe unten auf dieser Seite). Als übergeordnetes Thema des Gottesdienstes nannte Weidner „Was Liebenden Halt gibt”. Das Gedicht handle von einem jungen, frisch verliebten Paar, so der Pfarrer. Auffällig sei der Kontrast zwischen Liebe und Ernüchterung, der die Botschaft des Gedichtes darstelle. So werden in Brechts Gedicht Liebessymbole wie Wolken und Kraniche erwähnt, doch verdeutlicht der Verfasser gegen Ende die Vergänglichkeit der Liebe. Die Intention Brechts sei es, von einem von der Liebe verstörtem Leben zu warnen. Die Liebenden sollten auch darauf achten, was neben ihrer emotionalen Beziehung passiert und sollten sich gemeinsam Bedrohungen stellen, wenn zum Beispiel „Regen droht oder Schüsse fallen” , wie es im Gedicht heißt.Trotz allem sei die Liebe höchstes Gut und biete zwei Menschen sicheren Halt- solange es nicht nur die Liebe im Leben dieser beiden gibt.  

Bertolt Brecht habe in dieser Richtung eigene Erfahrungen gesammelt, berichtete Ulrich Weidner. So hatte Brecht jahrelang eine Affäre mit einer verheirateten Frau. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass  Brecht Religion und somit das Christentum ablehnte. Trotzdem gibt es Parallelen zwischen seinem Gedicht und der christlichen Botschaft: schon Paulus nannte die Liebe im Hohelied als wichtigste menschliche Konstante: „Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei. Am größten aber ist die Liebe”( 1 Kor, 13).

Als nächstes Beispiel führte Weidner Dietrich Bonhoefer an. Er schrieb aus seiner Haftzeit einen Brief (1943) an einen Freund, welcher geheiratet hatte. Denn Bonhoefers Freund war unsicher: Wie sollte er lieben, während sich sein Volk und seine Kirche im Krieg befinden? Bonhoefers Antwort war simpel: „Was du tust, das tue mit gutem Gewissen.[...] Liebe und Leidenschaft sollen Christen nicht verwehrt sein”. Bonhoefer benutzte folgenden Vergleich: Liebe sollte wie polyphone Musik sein. Es gibt eine Grundstimme, zum Beispiel den Glauben, welche von weiteren eigenständigen Stimmen begleitet wird.

Nach diesen Abhandlungen sahen die Gottesdienstbesucher Brechts „Die Liebenden” sicher mit anderen Augen. Neben Weidners Interpretation wurde auch gesungen und gebetet. Für die musikalische Untermalung sorgte das Fagottduo „DuoBasston”.

Auch am nächsten Sonntag sind wieder alle Interessierte eingeladen, einen lyrischen Text näher kennen zu lernen. Am 21. August wird sich der Gottesdienst um „Ich Suche allerlanden eine Stadt” von Else Lasker- Schüler drehen.

text und foto: jan kleinschmidt/ör

Die Liebenden
Sieh jene Kraniche in großem Bogen!
Die Wolken, welche ihnen beigegeben
Zogen mit ihnen schon, als sie entflogen
Aus einem Leben in ein andres Leben
In gleicher Höhe und mit gleicher Eile
Scheinen sie alle beide nur daneben.
Daß so der Kranich mit der Wolke teile
Den schönen Himmel, den sie kurz befliegen
Daß also keines länger hier verweile
Und keines andres sehe als das Wiegen
Des andern in dem Wind, den beide spüren
Die jetzt im Fluge beieinander liegen
So mag der Wind sie in das Nichts entführen
Wenn sie nur nicht vergehen und sich bleiben
Solange kann sie beide nichts berühren
Solange kann man sie von jedem Ort vertreiben
Wo Regen drohen oder Schüsse schallen.
So unter Sonn und Monds wenig verschiedenen Scheiben
Fliegen sie hin, einander ganz verfallen.
Wohin ihr? Nirgendhin. Von wem davon? Von allen.
Ihr fragt, wie lange sind sie schon beisammen? Seit kurzem.
Und wann werden sie sich trennen? Bald.
So scheint die Liebe Liebenden ein Halt.

Berthold Brecht

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