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04.09.2011

Hospiz

Arbeiten zwischen Himmel und Erde

Johannes Nattland ist Pfarrer der Gemeinde Elberfeld-West. Bis Juni hat er auch als Seelsorger im Hospiz gearbeitet. Ab September ist er auch einer der Citypfarrer der CityKirche Elberfeld.

Ich will leben bis zum Schluss
Das ist das Motto der Christlichen ökumenischen Hospizstiftung Wuppertal. Neben den ambulanten Hospizdiensten wird dies im stationären Christlichen Hospiz Wuppertal-Niederberg auf dem Dönberg – Dr. Werner Jackstädt Haus – umgesetzt.

Vor gut vier Jahren wurde das Hospiz auf dem Dönberg eröffnet. Seitdem gibt es auch in Wuppertal einen Ort, wo schwer erkrankte Menschen ihre letzte Lebensphase verbringen können, wenn dies zu Hause, in der gewohnten Umgebung, nicht mehr möglich ist. Seit Eröffnung des Hauses haben 673 Menschen dieses Angebot genutzt und waren Gäste im Hospiz. Die verschiedenen Gäste – sie werden bewusst nicht Patienten genannt – haben seitdem das Haus neben den haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geprägt.

Ziel: Lebensqualität bis zum Schluss
Gäste und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Angehörige, Ärzte, die Verköstigung im Haus und die lichtdurchflutete Architektur und nicht zu vergessen Sandmann, der Hund einer ehrenamtlich Mitarbeitenden, und andere Besucherhunde - und vieles andere mehr tragen mit dazu bei, dass es auch wirklich ein Leben mit Lebensqualität bis zum Lebensende ist. „Es ist ein Haus der Stille und der Trauer, aber auch ein Haus mit viel Freude und Lachen“, so Karin Kliche, die Leiterin des Hauses. „Und das macht ja auch das alltägliche Leben aus. Es geht darum, so viel Lebensqualität trotz zum Teil großer Beeinträchtigungen aufgrund der Erkrankungen den Gästen zu ermöglichen.“

Angebote im Stationären Hospiz
Neben der palliativ-pflegerischen und medizinischen Versorgung gehören zum Angebot des Hauses auch die psychosoziale und seelsorgliche Begleitung im Sinne einer ganzheitlichen Sichtweise des Menschen. Immer wieder kommen die Gespräche auf die ganz bewegenden Fragen des Lebens. Und oft ist keine Antwort möglich, aber das behutsame Begleiten, das Dasein am Kranken- oder Sterbebett, das Gebet, das miteinander Feiern oder andere Formen, Zeit miteinander zu verbringen wie Spielen oder Musizieren, sind Möglichkeiten, die helfen, Leiden zu lindern, das eigene Schicksal anzunehmen und die Trauer um das baldige Lebensende zuzulassen und auszuhalten.

Begleiter und Begleiterinnen: Angehörige, Haupt- und Ehrenamtliche
In die Begleitung sind natürlich auch die Angehörigen und Freundinnen und Freunde der Gäste mit einbezogen. Hier leisten auch die ehrenamtlich arbeitenden Hospizhelferinnen und Hospizhelfer einen wertvollen Dienst, indem sie gerade auch ihren Lebensalltag mit ins Hospiz bringen. Karin Kliche: „Manchmal sind es auch nur kleine Hilfestellungen, die wir als Haupt- oder Ehrenamtliche leisten, um Menschen die letzte Lebensphase und das Abschiednehmen zu erleichtern – die Ermutigung etwa, ein früher vertrautes Hobby wieder aufzunehmen wie zum Beispiel das Malen.“

Voraussetzung für die ehrenamtliche Arbeit
Die ehrenamtlichen Hospizhelferinnen und -helfer haben vor Aufnahme ihres Dienstes eine über mehrere Wochen dauernde Ausbildung durchlaufen. Denn die Konfrontation mit Krankheit, mit Sterben und Abschiednehmen, mit Tod und Trauer rührt auch immer an eigene Fragen und Ängste – stellt das eigene Leben auch immer wieder in Frage. Damit gilt es umzugehen und nicht etwa eigene Ängste, Vorstellungen und Wünsche auf die Gäste zu übertragen.

Seelsorge und Spiritualität
Spirituelle Begleitung und Seelsorge im Christlichen Hospiz Wuppertal-Niederberg sind ein akzentuiertes Angebot an die Hospizgäste, deren Angehörige und Nahestehende unabhängig von deren Weltanschauung und Konfession. Die Seelsorge ist darüber hinaus auch ein Angebot an die haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitenden. Seelsorge ist integrativer Bestandteil der Hospizarbeit. Im Stationären Hospiz am Dönberg arbeiten ein katholischer Seelsorger und zwei evangelische Seelsorgerinnen in einem Dienstumfang von ungefähr einer ¾-Stelle zusammen.

Alle Angebote im Rahmen der Seelsorge zu Gebet, zu Gottesdiensten, zum Gespräch, zur Stille und zum Sakramentenempfang oder auch als Impulse zum Nachdenken sollen dazu dienen, Raum zu eröffnen für Fragen, für Sinnsuche, für die religiösen Bedürfnisse, die Menschen in einem solchen Haus zum Ausdruck bringen und die ihnen in ihrer jeweiligen Situation des Abschiednehmens und Sterbens oder in ihrem Dienst an den Gästen hilfreich sein können. Seelsorge geschieht aus dem Wissen heraus, dass es mehr gibt „zwischen Himmel und Erde“, als wir es mit Zahlen und Daten und Begründungen und Analysen erfassen können. Seelsorge soll das Gespräch, den Kontakt zwischen Gott und Mensch unterstützen – manchmal setzt sie ja auch erst wieder einen ersten Impuls.

Wertschätzung des Menschen als Ebenbild Gottes
In allem Arbeiten im Hospiz soll die Wertschätzung des Menschen als Ebenbild Gottes zum Ausdruck gebracht werden. Dies geschieht durch Begleiten, Erinnern, Trauern und Verabschieden. Dadurch erfährt sich der jeweilige Mensch als von Gott geliebt und angenommen. Mit Hoffnung und Zuversicht durchs Leben zu gehen – auch und gerade am Lebensende und im Sterben oder im Dienst an Sterbenden, das ist zentrales Anliegen der Seelsorge. Grundlage hierfür ist die Osterbotschaft, dass der Tod uns nicht von der Liebe Gottes scheidet. Dafür steht die Osterkerze als Symbol des Lichtes und der Hoffnung.

Erinnern und Gedenken: Formen der Trauerarbeit
Manchmal verbringen die Gäste nur wenige Tage im Hospiz, andere wohnen dort bis zu mehreren Monaten. Wenn ein Gast verstirbt, wird im Eingangsbereich des Hauses eine Kerze entzündet, die so lange brennt, wie der Verstorbene noch im Hause ist, und sein oder ihr Name wird im Erinnerungsbuch eingetragen. Aller Gäste, die im Hause sterben, wird in einem Erinnerungsgottesdienst gedacht, der jedes viertel Jahr im Untergeschoss des Hauses gefeiert wird. Dazu werden die Angehörigen eingeladen, und auch da ist noch einmal Zeit und Raum zum Gedenken, zum Danken und zum Abschied nehmen.

Ein christlich geführtes und getragenes Haus – jede und jeder ist willkommen
Das Hospiz ist ein von der katholischen Kirche, der evangelischen Kirche und den freikirchlichen Gemeinden christlich getragenes und geführtes Haus, was die besondere Atmosphäre des Hauses prägt. Aber es steht jedem offen, als Gast in dieses Haus zu kommen, unabhängig vom Alter, der Herkunft und Nationalität, der Art der Erkrankung, der sozialen Stellung oder des Glaubens. Der Mensch mit seinen vielfältigen Lebensformen ist im Christlichen Hospiz Wuppertal-Niederberg zu Hause, als Gast, als Angehöriger, als Besucherin, als ehrenamtlich Mitarbeitender oder als Hauptamtliche.

Größe des Hauses
Es gibt 12 Zimmer für die Gäste, alle sind mit Dusche und WC ausgestattet. Zusätzlich gibt es zwei Angehörigenzimmer, wenn Angehörige das Übernachten im Hospiz wünschen. Auf Wunsch wird auch ein zusätzliches Bett ins Zimmer des Gastes gestellt. Die Aufnahme eines Gastes ins Hospiz hat zur Voraussetzung, dass der behandelnde Arzt die Notwendigkeit der Unterbringung in einem Hospiz bescheinigt, weil die Lebenszeit nur noch sehr befristet ist – nach ärztlichem Ermessen nicht länger als ein, zwei Monate. Die meisten der Gäste, um die zwei Drittel, sind vor ihrem Einzug ins Hospiz in einem Krankenhaus behandelt worden oder kommen von der Palliativstation. Ca. ein Drittel der Gäste kommt direkt aus der eigenen Häuslichkeit, wo die Betreuung dann nicht mehr weiter möglich ist.

Kosten: Kostenträgerinnen und Spenden
Gesetzlich Versicherte müssen keine Zuzahlung für die Unterbringung leisten, bei privat Versicherten kommt es immer auf den Einzelfall an, ob eine geringe Zuzahlung zu den Leistungen der Kranken- und Pflegeversicherung aufgebracht werden muss. Kostenträger für ein Hospiz sind also zum überwiegenden Teil die Kranken- und Pflegeversicherungen. Aber 10 Prozent der Kosten eines Hospizes muss das jeweilige Hospiz selbst aufbringen. Hier arbeitet für das Wuppertaler Hospiz wieder die Christliche Hospiz-Stiftung im Hintergrund. Die Hospizstiftung verwaltet die eingehenden Spenden und verteilt sie an das Stationäre Hospiz und die im Stadtgebiet angesiedelten ambulanten Hospizdienste. Ohne das Engagement der Bürgerinnen und Bürger in Wuppertal und durch andere (etwa durch Angehörige, die die Begleitung eines Angehörigen durch einen ambulanten Hospizdienst oder das Stationäre Hospiz erlebt haben) wäre diese Hospizarbeit nicht möglich. Für das Stationäre Hospiz auf dem Dönberg müssen auf diese Weise 100.000 Euro pro Jahr neben den Leistungen der Kranken- und Pflegeversicherungen durch Spenden eingeworben werden.

Am 19. Juni 2011 hat ein Sommerfest stattgefunden. Viele Menschen konnten sich über die Arbeit des Hospizes informieren und Berührungsängste bezüglich des Themas Sterben, Tod und Abschiednehmen abbauen. Im Garten des Hauses und im Untergeschoss – einem Kommunikations- und Tagungszentrum - haben mit großem Engagement und Einsatz Haupt- und Ehrenamtliche durch viele Sachspenden von Unternehmen und Einzelpersonen, durch den Verkauf von Würstchen, Kuchen und Kaffee, durch eine Tombola und einen Bücherbasar über 4000 Euro eingenommen. Auch dieses Geld hilft, die Arbeit im Stationären Hospiz auf dem Dönberg zu unterstützen und zeugt von der hohen Indentifikation vieler mit dieser Arbeit.

Ich selbst durfte über knapp vier Jahre in diesem Haus als Seelsorger arbeiten und die Atmosphäre dieses Hauses mit gestalten – ich habe viel gelernt und bin bereichert worden durch die vielen Menschen, denen ich dort begegnet bin und verstehe dieses Schwerpunktthema im Sophienjournal auch als Dank an sie und als Dank an meine Gemeinde, an mein Presbyterium und an meinen Kollegen und meine Kollegin hier wie dort, die alle die Bewältigung dieser Aufgabe ermöglicht haben. Diesen Stellenanteil meiner pfarramtlichen Tätigkeit verlagere ich, aber ich nehme dieses Arbeiten zwischen „Himmel und Erde“, zwischen Trauer und Freude, zwischen Fragen und Antworten mit in meine weitere Tätigkeit.

text: johannes nattland/aus: sophienjournal 14-2011/ör-wj
fotos: privat

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