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08.09.2011

11. September (IV)

"Jahrestage werden überfrachtet"

Prof. Dr. Lutz Raphael, Trier

Historiker kritisiert mediale Überfrachtung des 11. September

Der Historiker Lutz Raphael sieht keinen direkten Zusammenhang zwischen dem zehnten Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001 und dem Aufbau muslimischer Zentren an den Universitäten in Deutschland. In der Diskussion um die Gestaltung der Ausbildung sei „das Schielen auf den 11. September selten“ gewesen, sagte der Trierer Zeitgeschichtler in einem epd-Gespräch. Raphael hat als Mitglied des Wissenschaftsrats und Vorsitzender der Arbeitsgruppe zur „Weiterentwicklung von Theologien und religionsbezogenen Wissenschaften an deutschen Hochschulen“ an der Empfehlung des Wissenschaftsrats mitgewirkt, Zentren für islamische Studien an deutschen Hochschulen aufzubauen.

Der vielfach konstruierte Zusammenhang sei ein Medieneffekt, sagte Raphael. „Wir leben in einer Zeit, in der Jahrestage eine wichtige Rolle spielen und medial schnell überfrachtet werden.“ Diese Gedenktage würden dann nicht nur als Ritual begangen, sondern auch mit „an den Haaren herbeigezogenen Kontexten konstruiert“. Schon vor den Anschlägen von New York und Washington habe es Bestrebungen gegeben, den muslimischen Religionsunterricht an den Schulen zu verankern und Religionslehrer auszubilden.

Nach Raphaels Einschätzung ist in der deutschen Öffentlichkeit seit dem 11. September das Interesse an Religion gestiegen. Im zurückliegenden Jahrzehnt sei im politischen Raum das Bewusstsein gewachsen, dass es sich dabei nicht um Kleinigkeiten handle, sagte er. „Diejenigen, die gedacht haben, Religion stirbt ab, sind eines Besseren belehrt worden.“ Raphael rechnet daher vor allem bei besser ausgebildeten Muslimen mit einem hohen Interesse an den Studiengängen für Islamische Theologie.

Generell habe sich durch die Anschläge vom 11. September ein Bewusstsein in der Öffentlichkeit entwickelt, dass es Extremismus im Islam gibt. „Die religiöse Dimension wurde und wird seither ernster genommen“, sagte Raphael.

Auch im allgemeinen Sprachgebrauch habe sich eine Änderung eingebürgert: Inzwischen würden Einwanderer aus islamischen Ländern in Deutschland vielfach als Muslime bezeichnet, obwohl sich ein Teil selbst mit der religiösen Tradition nicht mehr identifiziere. Vorher sei etwa bei Asylbewerbern und Gastarbeitern aus Anatolien häufig von „den Türken“ gesprochen worden.

text: b.schneider/epd/ör-wj
foto: wissenschaftsrat

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