15.08.2011
50 Jahre Mauer (VI)
Berlin gedenkt
Berlin hält im Gedenken an den Mauerbau inne
20.000 Menschen besuchen neue Ausstellung in Mauer-Gedenkstätte
Stille und Glockengeläut: Zur Erinnerung an die Todesopfer der innerdeutschen Grenze haben in Berlin und anderen Orten in Ostdeutschland die Menschen am Samstag innegehalten. Am 50. Jahrestag des Mauerbaus gedachten in der Bundeshauptstadt führende Politiker, Kirchenvertreter und Bürgerrechtler der mindestens 136 Mauertoten. Ihr Gedenken war verbunden mit einem Appell zu einer stärkeren Beschäftigung mit der DDR-Geschichte und gegen eine Verharmlosung des SED-Regimes.
»Mittel und Wege der Machtausübung in diesem Staat waren verbrecherisch, und das ist vielen Deutschen nicht bewusst«, mahnte Bundespräsident Christian Wulff bei der zentralen Gedenkfeier an den Mauerresten in der Bernauer Straße in Berlin.
Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sagte, er habe keinerlei Verständnis für diejenigen, die Teilung und Mauer nostalgisch verklärten: »Die Mauer war Teil eines diktatorischen Systems, eines Unrechtsstaates.«
Die DDR-Bürgerrechtlerin Freya Klier, die einst selbst die Flucht wagte, dabei entdeckt, dann inhaftiert und später aus der DDR ausgewiesen wurde, erinnerte in einer bewegenden Ansprache an die Maueropfer. »Was für ein umbarmherziges System war das, von dem heute noch Zahlreiche schwärmen«, fragte sie in die Menge.
Neben Wulff waren auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundestagspräsident Norbert Lammert (beide CDU) beim Gedenken an den Mauerbau am 13. August 1961 anwesend. Um 12 Uhr legten Hunderte Besucher der Gedenkstätte eine Schweigeminute ein. Auch Busse und Bahnen des öffentlichen Nahverkehrs standen still.
Bundespräsident Wulff eröffnete zudem den zweiten Teil der Open-Air-Ausstellung in der Gedenkstätte an der Bernauer Straße. Dort verweisen 26 Infostelen und 22 großformatige Fotos an den umliegenden Häuserwänden auf gegrabene Fluchttunnel und Häuser, die mit dem Beginn des Mauerbaus Teil der Grenze und später abgerissen wurden. Bis zum Abend besuchten nach Angaben der Gedenkstätte 20.000 Menschen den neuen Abschnitt im ehemaligen Todesstreifen.
In Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern wurde am Samstag ebenfalls an den Mauerbau erinnert. In Potsdam luden evangelische Kirche, Landesregierung und Parlament zu einer Andacht in die Nikolaikirche. In Hötensleben (Sachsen-Anhalt) legten Landtagspräsident Detlef Gürth und Ministerpräsident Reiner Haseloff (beide CDU) Kränze am Grenzdenkmal nieder.
In Zarrentin (Mecklenburg-Vorpommern) wurde bei einer ökumenischen Andacht der Opfer gedacht. Regierungschef Erwin Sellering (SPD) stand dort seit Tagen in der Kritik, weil er der Gedenkfeier fernblieb, um sich mit Unternehmern in Rostock zu treffen. Dort erinnerte er nach Angaben der Staatskanzlei in seinem Grußwort an die innerdeutsche Grenze. Die Mauer sei Unrecht gewesen, »das durch nichts zu rechtfertigen« sei, erklärte Sellering.
Wowereit und Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) sagten derweil in Berlin, die Erfahrung der Mauer lehre, totalitären Weltanschauungen nie nachzugeben. Wowereit spielte dabei auf eine Kundgebung der NPD zum Mauerbau am früheren Grenzübergang Bornholmer Straße an. Gegen den Aufmarsch von etwa 55 Neonazis protestierten rund 650 Gegendemonstranten.
In Braunschweig machten der evangelische Landesbischof Friedrich Weber und Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister (CDU) auf die Aktualität der Mauer aufmerksam. Weber sagte: »Über die Geschichte der Mauer ist kein Gras gewachsen.« In vielen Köpfen sei sie so mächtig wie eh und je. McAllister rief dazu auf, auch Abseits von Gedenktagen die Erinnerung an die innerdeutsche Teilung zu bewahren. Das schließe auch ein, »an die mutige und friedliche Revolution ein, die zur Wiedervereinigung geführt hat«, zu erinnern.
Politiker fordern Lehren aus dem Mauerbau
Wulff: Erinnerung kann zum Aufleben des totalitären Grundkonsenses führen
Zum 50. Jahrestag des Mauerbaus haben führende Politiker an die Opfer des DDR-Grenzregimes erinnert. Bundespräsident Christian Wulff und die Ministerpräsidenten der ostdeutschen Bundesländer forderten am Freitag die Gesellschaft dazu auf, Lehren aus der Geschichte der deutschen Teilung zu ziehen. »Für mich wäre es ein großes Glück, wenn die Erinnerung an den 13. August 1961 zu einem neuen Aufleben des antitotalitären Grundkonsenses in Deutschland führt«, sagte Wulff der in Berlin erscheinenden Tageszeitung »Die Welt« (13. August). Die Lehre müsse heißen: »Nie wieder Krieg! Nie wieder Diktatur!«
Der Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses,Walter Momper (SPD), sagte, die Sehnsucht der Mauerflüchtlinge nach einem besseren Leben in Freiheit und der Mut dieser Menschen habe sich in das Gedächtnis Berlins eingegraben. »Deshalb bleibt das Erinnern an die Berliner Mauer wichtig für unsere Stadt.«
Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) bezeichnete den Mauerbau bei einer Gedenkfeier in der Sacrower Heilandskirche als »Bankrotterklärung des DDR-Staates«.
Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) sagte, die ganze Gesellschaft müsse dafür Sorge tragen, dass die Erinnerung an die Gräuel des SED-Regimes und an den Kalten Krieg als mahnendes Beispiel an die folgenden Generationen weitergegeben werde. Noch immer seien nicht alle Wunden der Trennung verheilt, erklärte Lieberknecht in Erfurt. Die Opfer der DDR-Diktatur litten auch weiterhin an den Folgen.
Auch Sachsens Regierungschef Stanislaw Tillich und der Ministerpräsident Sachsen-Anhalts, Reiner Haseloff (beide CDU), betonten die Notwendigkeit der Erinnerung an die deutsche Teilung: »Dieses Unrecht darf niemals in Vergessenheit geraten und darf sich nie wiederholen«, erklärte Tillich in Plauen. Haseloff sagte in Magdeburg, dass keine Gesellschaft und kein Staat ohne Gedächtnis und Erinnerung leben könnten. Die Berliner Mauer sei keine abstrakte Geschichte und keine ferne Epoche, sondern ein Sinnbild für die Gefahren des Totalitarismus.
Die mitteldeutsche Bischöfin Ilse Junkermann forderte, beim Gedenken die Bedürfnisse Ostdeutscher stärker zu berücksichtigen. Es dominiere derzeit der westliche Gedanke, dass mit dem Mauerfall 1989 die Freiheit und damit das westliche Prinzip gesiegt habe, sagte die evangelische Theologin dem epd in Magdeburg. Viele Menschen aus dem Osten hielten die Erinnerung an dieses Trauma des Eingesperrtseins aber noch immer nicht aus.
Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) wandte sich indes gegen einen für Samstag geplanten Aufzug der rechtsextremen NPD in Berlin. Die Partei versuche es mit Provokationen, »die für Demokraten unerträglich sind«. Unter einem an den Jahrestag des Mauerbaus angelehnten Motto planen Neonazis nach Polizeiangaben für Samstagmittag eine Demonstration an der Böse-Brücke, dem ehemaligen Grenzübergang in der Bornholmer Straße. Die demokratischen Parteien haben zum Protest aufgerufen.
In der Nacht zum 13. August 1961 begann das DDR-Regime in Berlin mit dem Bau einer Mauer, um den Flüchtlingsstrom nach Westdeutschland zu stoppen. An ihr kamen bis 1989 mindestens 136 Menschen zu Tode, darunter 98 Flüchtlinge.
text: epd/ör-wj
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