05.09.2011
Denk mal
Romantik, Realismus, Revolution
Am „Tag des offenen Denkmals“ öffnen rund 7.500 Denkmäler Denkmäler die Türen
Am „Tag des offenen Denkmals“, dem 11. September, sind in ganz Deutschland rund 7.500 Bau- und Kunstdenkmäler zu besichtigen, die sonst oft verschlossen bleiben. Er steht in diesem Jahr unter dem Motto „Romantik, Realismus, Revolution“ und wird von der rheinland-pfälzischen Kulturministerin Doris Ahnen (SPD) in der evangelischen Konstantin-Basilika in Trier eröffnet. Im vergangenen Jahr nutzten viereinhalb Millionen Menschen den Tag, um Eindrücke von der Denkmalpflege zu erhalten und einen Blick
hinter die Kulissen zu werfen.
Erstmals stellt die Deutsche Stiftung Denkmalschutz in diesem Jahr eine ganze Zeitepoche in den Fokus des Tages, das 19. Jahrhundert. „Es war ein spannendes und extrem vielseitiges Jahrhundert für Architektur, Kunst und Technik“, urteilt Carolin Kolhoff, Sprecherin der Stiftung. Der Aufbruch in die kapitalistische Wirtschaftsgesellschaft und politische Umstürze hätten gewaltige soziale Veränderungen bewirkt. Parallel zu bahnbrechenden Erfindungen in Industrie und Verkehr setzte eine romantische Verklärung kultureller Traditionen ein, die sich in den Baustilen Klassizismus und Historismus niederschlug.
In Wuppertal sind u.a. die Friedhofskirche, die Gemarker Kirche, die Immanuelskirche, die Reformierte Kirche Ronsdorf und die Pauluskirche geöffnet. Mehr zum Programm am Sonnag in diesen Orten finden Sie hier und in dieser Woche auf unserer Homepage.
Der Tag lebt nach Angaben der Deutsche Stiftung Denkmalschutz von der Initiative von Kreisen, Städten, Gemeinden, Verbänden, Vereinen und privaten Denkmaleigentümern. „Europaweit wird Deutschland darum beneidet, dass dieser Denkmaltag von einem so breiten Engagement getragen wird“, sagt Klaus Trouet, Vorstandsmitglied der Stiftung. Lediglich in den Niederlanden findet der Denkmaltag ebenfalls mit privater Beteiligung statt, in allen andern Ländern wird er von den Kultusministerien oder -behörden zentral organisiert.
Der „Tag des offenen Denkmals“ ist seit 1993 der deutsche Beitrag zu den „European Heritage Days“ unter Schirmherrschaft des Europarats. Im vergangenen Jahr beteiligten sich 49 Länder mit rund 20 Millionen Besuchern. Allein in Frankreich strömten nach Information der deutschen Stiftung Denkmalschutz rund zehn Millionen Menschen zu 15.000 geöffneten Objekten. In Italien waren 1.500 Denkmäler zu sehen. In Deutschland kann in diesem Jahr das Programm des „Tags des offenen Denkmals“ auch aufs Handy geladen werden.
Romantik und Revolution
„Tag des offenen Denkmals“ widmet sich 19. Jahrhundert - Türen auf zu unterirdischen Gängen und Prunkzimmern
Die Konstantin-Basilika in Trier gehört zu den ungewöhnlichsten Kirchen in Deutschland. Die frühere Palastaula des römischen Kaisers Konstantin (circa 274-337) ist ein riesiger Bau aus dunkelrotem Backstein, feierlich und schlicht, ohne Säulen, ohne Schnörkel. In dieser evangelischen Kirche wird am 11. September der bundesweite „Tag des offenen Denkmals“ eröffnet, der sich in diesem Jahr thematisch am 19. Jahrhundert ausrichtet mit den Schlagworten „Romantik, Realismus, Revolution“.
„Erstaunlicherweise passen die gerade antiken Monumente in Trier sehr gut zu diesem Motto“, sagt Koordinatorin Carolin Kolhoff von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Gilt doch das 19. Jahrhundert als die Geburtsstunde der modernen Archäologie und der professionellen Denkmalpflege. Von dem Interesse an den antiken Kulturen profitierte auch die Konstantin-Basilika. Der antike Thronsaal, der zwischenzeitlich mittelalterliche Burg, Teil einer bSchlossanlage, Lazarett und Kaserne war, erhielt 1856 seine ursprüngliche Dimension wieder.
Für Architekturfans und Geschichtsliebhaber ist der „Tag des offenen Denkmals“ seit Jahren eine gute Gelegenheit, um Streifzüge in die Vergangenheit zu unternehmen und Kunst- und Baudenkmäler zu besichtigen, die sonst nicht oder nur teilweise zugänglich sind. 7.500 Objekte demonstrieren die Vielfalt der Architektur: Kirchen, Verwaltungsgebäude und Zechen, Parks und Spielplätze, Wohnhäuser und Industriekomplexe. Laut Kolhoff bezieht sich mehr als die Hälfte der Denkmäler ausdrücklich auf das 19. Jahrhundert.
Nach Themen wie „Kultur in Bewegung“ oder „Historische Orte des Genusses“ stellt die Deutsche Stiftung Denkmalsschutz erstmals eine ganze Zeitepoche in den Fokus des Denkmaltages. „Es war ein spannendes und extrem vielseitiges Jahrhundert für Architektur, Kunst und Technik“, sagt Archäologin Kolhoff. Im politisch-sozialen Bereich verursachten der Aufbruch in die kapitalistische Wirtschaftsgesellschaft und politische Umstürze gewaltige Veränderungen. Bahnbrechende Erfindungen veränderten Industrie und Verkehr, die Städte wuchsen.
Parallel dazu setzte eine romantische Verklärung kultureller Traditionen ein, die sich in den Baustilen Klassizismus und Historismus niederschlug. Die damals entstandenen Kirchen und Arbeiterquartiere, Schulen, Bahnhöfe, Krankenhäuser und Volksparks prägen noch heute das Bild vieler Kommunen.
Am Tag des offenen Denkmals lassen sich alle Tendenzen dieses stilistisch vielseitigen Jahrhunderts nachvollziehen. So trägt ein rauschebärtiger Karl Marx, dargestellt von einem Schauspieler, in seinem Trierer Geburtshaus die revolutionären Theorien vor, die er im 19. Jahrhundert entwickelte. Dort, wo die Mosel in den Rhein mündet, auf der Koblenzer Festung Ehrenbreitstein, gibt es einen Einblick in die damalige Waffentechnik. Und in Detmold sind die Auftritts-, Wohn- und Wirkungsstätten der Komponisten Albert Lortzing und Johannes Brahms zu besichtigen. Vor allem Brahms (1833-1897) war einer der führenden Vertreter der Romantik in der zweiten Jahrhunderthälfte.
Der „Tag des offenen Denkmals“, der immer am zweiten Sonntag im September stattfindet, ist seit 1993 der deutsche Beitrag zu den „European Heritage Days“ unter der Schirmherrschaft des Europarates. Im vergangenen Jahr nahmen in Deutschland 4,5 Millionen Besucher teil. „Europaweit wird Deutschland darum beneidet, dass dieser Denkmaltag von einem so breiten Engagement getragen wird“, sagt Klaus Trouet, Vorstandsmitglied der Deutschen Stiftung Denkmalschutz.
Zum Schwerpunkt des Tages passt auch die Wollspinnerei Blunck in Bad Segeberg, die 1852 gegründet wurde und mit denkmalgeschützten Gebäuden und Maschinen das Wissen um die Tradition der kleinindustriellen Wollverarbeitung erhalten will. In Bayreuth kann das Gebäude der Regierung von Oberfranken besichtigt werden. Die drei Prunkzimmer des Hauses waren vor ihrem Einbau auf der Weltausstellung in St. Louis, USA, ausgestellt worden - als Beweis der Leistungsfähigkeit des deutschen Kunsthandwerks.
Am interessantesten ist es dort, wo es kleinteilig wird. Wo Archäologen, Restauratoren und Handwerker in ihren Arbeitsalltag blicken lassen, wo Eigentümer denkmalgeschützter Gebäude von den Mühen und Freuden beim Erhalt ihrer Schätze berichten und die Türen öffnen. In Trier kann man am 11. September durch Villen und Weinkeller schlendern und einen sonst verschlossenen unterirdischen römischen Kryptoportikus erkunden, einen Gewölbegang aus dem zweiten Jahrhundert.
Dagegen ist die Konstantin-Basilika genau wie die anderen römischen Zeugnisse in Trier längst kein Geheimtipp mehr: Sie stehen seit 25 Jahren auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes und ziehen jedes Jahr etwa zwei Millionen Besucher an.
text: epd-west/marlene grund/ör-wj
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