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75 Jahre Barmer Erklärung
Nikolaus Schneider über Barmen 1934

Pfarrer Nikolaus Schneider ist Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland
Den 75. Geburtstag zu feiern ist für einen Menschen etwas Besonderes; denn 75 Jahre sind für ein Menschenleben viel. Ein historisches Dokument ist mit 75 Jahren noch jung. Lohnt es sich also überhaupt, ein noch so jugendliches Dokument zu feiern? Im Falle der Barmer Theologischen Erklärung sage ich: Ja! Denn diese Erklärung ist vielleicht das bedeutendste kirchliche Dokument des vergangenen Jahrhunderts – entstanden in Wuppertal. Am 31. Mai 1934 sagten die 138 Teilnehmer der Barmer Synode in der Gemarker Kirche einmütig „Nein“ – nein zu dem Versuch des nationalsozialistischen Staates, die evangelische Kirche in seine Gewalt zu zwingen. Mit derselben redlichen und mutigen Entschlossenheit sagte die Barmer Synode aber auch „Ja!“ – ja zum Auftrag der Kirche, Jesus als das eine und alleingültige Wort Gottes allen Menschen zu bezeugen.
Freilich: In der Erinnerung an die Barmer Erklärung liegt auch ein Wermutstropfen: Das Dokument schweigt zur schon 1934 laufenden Diskriminierung und Verfolgung jüdischer Mitbürgerinnen und -bürger. Vielleicht, weil 1934 die Dimension der gewollten Auslöschung des jüdischen Volkes noch nicht gesehen wurde. Vielleicht, weil sich die Synode nicht oder nicht vorrangig als weltliche Opposition verstand. Die Erklärung ist die Bekenntnisschrift einer sich neu formierenden innerkirchlichen Opposition. Eine einheitliche politische Widerstandsbewegung ging nicht aus der Synode hervor und war auch nicht das Ziel der – wohl deshalb ausdrücklich „theologisch“ benannten – Barmer Erklärung. Trotz aller heute berechtigten kritischen Rückfragen: Die Barmer Theologische Erklärung ist ein eindrucksvolles Zeugnis von der gläubigen Redlichkeit und dem streitbaren, weil auf Gott vertrauenden Mut evangelischer Christen in schwerster Zeit. Sie erinnert die Kirche bis heute an ihre Verantwortung in der Welt und für die Welt.
Wir leben heute – gottlob – in einer anderen Zeit. Doch damals wie heute geht das gleiche Wort um: Es heißt „Krise“. Die weit reichenden Folgen der plötzlichen wirtschaftlichen, aber auch ökologischen Gefahren, die Schwierigkeiten im Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Kultur und Religion wirken sich bis in das Leben unserer Gemeinden aus. Auch wenn sich unsere heutige Situation von
der Lage zur Zeit der Barmer Theologischen Erklärung grundlegend unterscheidet - die in dieser Erklärung formulierte Aufgabe für Kirche und Christenheit ist auch 75 Jahre später gleich geblieben: Es gilt, im Dienst Jesu Christi durch Predigt und Sakrament die Botschaft von der freien Gnade auszurichten an alle Menschen. Das Beispiel der Bekennenden Kirche aus Barmen macht uns Mut, auch in unserer sicher nicht leichten Zeit die frohe Botschaft fröhlich und einladend weiterzusagen. Auch das haben wir im Sinn, wenn wir in diesen Tagen 75 Jahre Barmer Theologischer Erklärung feiern.
















